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Mitternachtsspitzen April 2013
Wilfried Schmickler
"Spiegel" - Was soll uns dieses Titelbild sagen ?
Aufhören, Herr Becker, aufhören. Wissen Sie, ich frag mich ja immer wieder, wie Sie es schaffen, so konsequent und meilenweit an der Realität vorbei zu palavern, aber jetzt versteh ich alles:
Das Bier entscheidet!
Am deutschen Tresen soll die Welt genesen.
Und jeder, der einmal ein paar Stunden an einem solchen Tresen gestanden hat, der weiß wie dieser Genesungsprozess funktioniert: einfach die hohle Birne solange mit Obergärigem zuschütten, bis der Verstand vollständig von der schalen Plörre geflutet ist, und auch die letzte Synapse mit einem bierseligen Rülpser den Betrieb einstellt.
Herr Becker, so geht das nicht! Bevor auch hier in den Mitternachtsspitzen Hopfen und Malz ein für allemal verloren sind, müssen wir umkehren! Der Weg in die Niederungen der selbstbesoffenen Stammtische, an denen Abend für Abend die gleichen populistischen Sprüche geklopft werden, dieser Weg ist eine Sackgasse.
Gucken Sie doch einfach mal in den Spiegel.
Der Spiegel, die Älteren unter Ihnen erinnern sich eventuell, war mal das Flaggschiff des kritischen Journalismus in Deutschland. Da standen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft an jedem Montagmorgen schlotternd am Zeitungs-Kiosk, weil keiner wusste, wem die unbestechlichen Spiegel-Redakteure diesmal die scheinheilige Maske von der verlogenen Visage reißen würden.
Und heute?
Heute dümpelt das einstmals so stolze Meinungs-Schlachtschiff genauso orientierungslos im Seichten wie all die anderen abgetakelten Schaluppen, die im Hafen der journalistischen Bedeutungslosigkeit aufs Abwracken warten.
Der Untergang der Titanic! - Wie konnte das passieren?
Der Spiegel – Deutschlands Nachrichten-Magazin Nummer Eins -irgendwo als Ladenhüter im Zeitungsregal zwischen dem Goldenen Blatt, der Neuen Revue und der Apotheken-Umschau.
Und dabei haben die Macher dieser Schrumpf-Postille wirklich alles getan, um einen weiteren Auflagen-Absturz zu verhindern. Zum Beispiel jede vierte Woche den Führer aufs Titelblatt: Hitlers Generäle, Hitlers Frauen, Hitlers Hunde, neulich hatten sie sogar Hitlers Armbanduhr auf Seite 1.
Wer weiß, was da noch alles gekommen wäre: Hitlers Zahnersatz, Hitlers Gemüsebeet oder Hitlers Klosett-Brille.
Aber jetzt kommt ja die Wende. Jetzt haben die kurz vor der endgültigen Versenkung die Kommandobrücke gesäubert und erst einmal die beiden Kapitäne entlassen. Und schon die erste Ausgabe nach dieser Selbstenthauptung zeigt, wohin es in Zukunft geht. Hier:
Die Armutslüge! – Wie Europas Krisenländer ihre Vermögen verstecken.
Spieglein, Spieglein in der Hand, wer ist der Reichste im Euro-Land?
Und dazu dann dieses Enthüllungs-Foto. Ich hab ihnen das mal vergrößert, damit sie genau sehen, wie ein verkaufsträchtiger Umschlag für eine Mogelpackung heutzutage aussehen muss.
Da hockt ein typischer Süd-Europäer ärmlich gekleidet auf seinem Esel untern Euro-Rettungsschirm und will ganz offensichtlich genau wie sein Esel nicht erkannt werden.
Und warum nicht?
Weil er gerade dabei ist, sein ergaunertes Vermögen in irgendein Versteck zu bringen.
Hier: die eine Kiepe ist randvoll mit Goldbarren, die andere mit Geldbündeln. Und zwar so voll, dass die Scheine schon aus der Kiepe fliegen. Das müssen mindestens 4000 Euro sein, die da wegfliegen. Und der Bursche schaut sich noch nicht einmal um. Aber warum auch. Er hat ja genug davon.
Was soll uns dieses Titelbild sagen?
Nun ganz einfach: dass wir doofen Deutschen von den gerissenen Halunken in den sogenannten Krisenländern nach Strich und Faden beschissen werden. Während wir uns hier krumm legen, um all die Kohle zu erwirtschaften, die wir den Staaten Südeuropas in den angeblich hilfsbedürftigen Hintern schieben, hocken diese unterm Euro-Sonnen-Schirm, lassen sich den Hintern vom Dukaten-Esel schaukeln und bringen das Geld und das Gold körbeweise in die Verstecke.
Und wenn hierzulande immer mal wieder von steigenden Selbstmordraten in diesen Ländern berichtet wird, dann liegt der Anstieg nicht daran, dass die Selbstmörder verarmt sind, nein, die haben wahrscheinlich einfach nur vergessen, wo sie ihr Geld versteckt haben.
Da gab es ja gerade diese EZB-Studie über die mittleren Nettovermögen der privaten Haushalte in den Euro-Ländern. Und wissen Sie wer da am bettelarmen Ende die rote Laterne schwenkt?
Genau, wir Deutschen.
Lumpige 51.400 Euro pro Haushalt.
Da hat der Zypriot mehr als fünfmal so viel, der Spanier fast viermal und selbst die angeblich vollpleite Griechen haben noch das Doppelte.
In Griechenland haben 60 Prozent der Bevölkerung schuldenfreies Wohneigentum. Und wer einmal im Land der Helenen war, der weiß, um was für Paläste es sich da handelt. Da sind Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Diele und Bad oft in einem einzigen Raum. Das nennt man hierzulande Loft und ist schier unbezahlbar.
Und deshalb ist es nur konsequent, wenn der Spiegel die Frage stellt: wie gerecht ist die Euro-Rettung, wenn die Menschen in den Nehmerländern reicher sind als die Bürger in den Geberländern?
Und die Antwort lautet: dann ist die Euro-Rettung ungerecht, und wir brauchen dringend eine Debatte über die Neuverteilung der Lasten. Und am Ende kriegen dann die Ärmsten der Armen, also wir Deutschen, etwas gegeben und die Nehmerländer heißen in Zukunft Nehmerländer, weil man von ihnen nimmt.
Dann schicken wir ein paar Suchtrupps darunter, und die werden die versteckten Vermögen schon finden und auf der Stelle beschlagnahmen.
Und wenn sie wider Erwarten nichts finden, dann hat das ganze Gequatsche von der Armutslüge zumindest eins gebracht.
Eine höhere Auflage. Für den Spiegel.
Ich zitiere ein letztes Mal:
Armes Deutschland!