Aufhören, Herr Becker, aufhören. Mensch Becker, sie sind ja völlig verkrampft, da sollten Sie aber ganz dringend was dran tun! Würde sagen, bevor sie das nächste Mal die Gemeinschaft der Glückseligen mit ihrer verspannten Erscheinung belästigen, da machen sie erst mal ein paar Lockerungsübungen.
Was weiß ich, sprechen sie 50 mal den Satz: "Ich soll meine Suppe nicht mit Kamm und Haarbürste essen",
oder trinken sie zwei Liter Bio-Lenor auf ex,
oder machen Sie es wie die Kinder hierzulande und schlucken Sie ne Handvoll Ritalin, aber auf jeden Fall unternehmen Sie etwas gegen diese durch und durch negative Verkrampfung.
Schließlich leben wir seit zwei Monaten in Lockerland, da ist kein Platz mehr für so vertrocknete Spaßbremsen aus der Generation Krampf. Da heißt es: locker sein, locker bleiben, locker lassen.
Und dann mit alle Mann ganz locker an die Stimmung ran.
Und zwar an die gute! An die supergute!
Wenn Sie da auf die Idee kommen, den Beseelten und Entfesselten in die Harmonie-Suppe zu spucken, da geht das ruck-zuck und Sie sind ausgebürgert.
Wir wollen sein ein lustig Volk von Spaßvögeln.
Schland oh Schland!
Das ich das noch erleben darf. Die direkten Nachkommen von Herrn Miese und Frau Pimpel singen fröhlich das Schlandlied, verpassen ihren Autos schwarz-rot-goldene Schland-Ohren und schwenken ausgelassen die Schlandfahnen wenn die Schnözils und Schnopolskis der sprachlosen Restwelt das neue Schland präsentieren. Und wenn sie dann alle auf dem Höhepunkt der großen Schland-Party den ultimativen Sommerhit des Jahres 2010 anstimmen, na dann sind aber nicht nur sämtliche Schrauben locker.
"Sexy-Sexy Lady"
schallt es dann aus Hunderttausend Schwarz-rot-gold-Kehlchen und gemeint ist mit der Sexy-sexy-Lady nicht wie früher so eine tumbe Doofmannsschramme wie Naddel, Daddel oder Quaddel, nein gemeint ist die Bundes-Bettina,
die Pretty Betty aus Bellevue-Castle,
die neue first sexy Lady.
Miss Hattu-Tattu ausm Hot-Shot-Shop.
Mensch was waren das früher für Trockenhauben und Sonntagshutschachteln, die an der Seite des jeweiligen Bundespräsidenten vor sich hin welkten: Wilhelmine, Gerda, Veronika, so hießen die weiblichen Beistelltische fürs präsidiale Damenprogramm.
Und genauso sahen die auch aus.
Wenn da mal eine flotte Mildred dabei war, dann ist die hoch auf dem gelben Schlafwagen schier verhungert.
Aber das ist ja das wahnsinnig wunderbare am neuen Deutschland.
Da ist eben alles neu! Und vor allem so unglaublich locker!
Deshalb ist der beleidigte Leberhorst Nöhler in Wahrheit ja auch zurückgetreten. Weil der gemerkt hat, er ist einfach nicht locker genug fürs neue Schland und seine fröhlichen Schländer. Der Typ war einfach völlig verpeilt.
Wenn auf der nationalen Party gerade die Riesenlöcher aus dem verschimmelten Käse fliegen, interessiert es doch absolut keinen Menschen, warum und wofür deutsche Soldaten im Ausland verrecken.
Was für ein Granantenschuss in den Stimmungsofen: Da waren wir gerade mal zwei Tage Europameister im Singen und da kommt der oberste Spaßverderber und will dem selbstbesoffenen Party-Volk reinen Wein einschütten.
Herr lass diesen Kelch schleunigst an uns vorübergehen.
Wir wollen Grand Crix zum Grand Pru, nee, Prand Grux zum Brie – ach ist doch auch egal, Hauptsache Schampus!
Da muss man auch mal fünfe gerade sein lassen und das unmögliche möglich machen. Wie beispielsweise der neue Bundeswulffi. Der will ja Brücken bauen. Und zwar nicht nur Brücken zwischen arm und reich, zwischen alt und jung, zwischen rechts und links, sondern auch Brücken zwischen oben und unten! Da kann nur einer drauf kommen, der im Tiefsten seiner persönlichen Tiefe ein bisschen verrückt, um nicht zu sagen völlig ausgeflippt ist.
Aber jetzt mal ehrlich, sind wir in Wahrheit nicht alle ein bisschen wulffi?
Träumen wir nicht alle von der Machbarkeit des Unmachbaren?
Einen krisenfesten Arbeitsplatz,
eine solide Ausbildung für unsere Kinder,
eine lebenslange Rente über der Armutsgrenze?
Sehnen wir uns nicht alle nach jemandem, der uns das Blaue vom Himmel verspricht, der für uns in die Zukunft schaut und uns glaubhaft versichert, dass es schon nicht so schlimm werden wird, sondern das alles für alle gut ausgeht? Ja, positive Visionen braucht dieses Land. Und was hat es? Angela Merkel und die schwarz-gelben Blindgänger.
Ich sag nur Gesundheitsreform! Was haben sie da im Wahlkampf und im Koalitionsvertrag zusammenschwadroniert: vom ganz großen Wurf war da die aufgeblasene Rede, von der grundsätzlichen Erneuerung der verkrusteten Strukturen, vom flächendeckenden Einstieg in den sofortigen Ausstieg zwecks nachhaltigem Umstieg und was kam am Ende dabei raus:
eine kräftige Beitragserhöhung für alle gesetzlich Versicherten.
Herr Doktor, ne große Packung Valium 10!
Aber entschuldigen Sie, jetzt geht er schon wieder mit mir durch, der urdeutsche Knöttersack, der germanische Depressiv, der ewige Nörgelmane. Ich krieg ihn einfach nicht totgeschlagen, den inneren Stimmungsschweinehund. Wenn ich ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer sehe, denk ich an den Golf von Mexiko,
wenn ich die jubelnden Massen sehe, denk ich an Entlassungsschreiben und Rentenbescheide
und wenn jemand neben mir sing "Da simmer dabei", denk ich an den Krieg in Afghanistan.
Und am Ende denk ich: das beste wird sein, ich trete zurück und halte mich raus.
Oder wissen Sie was: sie lassen mich einfach quatschen, drehen die Musik lauter und singen noch einmal das Lied vom Schland oh Schland.
Solange bis ich fertig bin. Und dann können sie wieder das tun, was ich an Ihnen so unglaublich bewundere:
nämlich ganz, ganz locker bleiben!

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